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Doris Knecht
der doris-knecht-blog: geschriebenes, gefundenes, beschwerden, einwände, trost, rat, lob, tadel und was sonst so anfällt. aus: falter, kurier, presse, profil, tagesanzeiger, anderswo und der werkstatt.
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22.03.12

Ah, das treibt die Jugend also auf die Straße

| 03/12 Falter-Kolumne

Immerhin kann ich sagen: Ich war nicht derjenige, der seine Faust hob und brüllte: Macht was ihr wollt, aber mein Quinquennium kriegt ihr nicht!!! Der war ich nicht. Das war ein anderer. Ich war allerdings, muss ich zugeben, diejenige, die ausrief: Wenn man jung ist, kann man ruhig einmal ein bisschen leiden, das ist gut für die Persönlichkeitsbildung!, Prost!! Sagen wir so: Derlei Veteranenparolen kommen unter uns älteren Menschen gut an. Bei 23- oder 25jährigen Prekarierinnen und Prekariern dagegen macht man sich mit solchen Lebensweisheiten eher sehr unbeliebt. Und ist dann schon jetzt das, was man eigentlich erst in 35 oder 40 Jahren sein wollte: die böse alte Hexe, die sich über die Jahre der einlullenden Saturiertheit jegliches Gespür für die Probleme der Jungen und des Jungseins weggekuschelt hat, und sich deshalb nun selbst im traditionellen Euch-solls-auch-nicht-besser-gehen-als-uns-Revanchismus ihrer eigenen Ahnen und Ahnensahnen verliert.

Also. Ich nehme das hier nicht zurück. Ich finde wirklich, dass zu den Privilegien der Jugend gehört, es aushalten zu können, wenn eine Zeitlang nicht Milch und Honig und 14 Angestelltengehälter fließen. Jetzt voraussgesetzt, man hat keine Kinder und ein unbeeinträchtigtes Gehirn und zwei gesunde Hände. Es es ist prägend, stärkend und rückgratbildend, wenn es einem gelingt, es mit diesen Händen und diesem Hirn über schwerere Zeiten zu schaffen, und ich möchte unbedingt, dass auch die Mimis das einmal erfahren. Andererseits meine ich aber natürlich auch, dass man - im speziellen Fall gings um junge Journalistinnen und Journalisten und ihre teils unterirdischen Einkommensbedingungen -, um seine Rechte kämpfen soll: Auch dafür ist man jung, dass man noch genügend Kraft, Leidenschaft und Wut in sich hat, um Veränderungen und Verbesserungen zu fordern. Auch wenn der mit dem Quinquennium und ich tatsächlich die falschen Adressaten sind.

Ich weiß nicht, warum mir gerade jetzt das Foto einfällt, das ich vor ein paar Tagen auf Facebook gesehen habe. Das Foto wurde kürzlich in Wien aufgenommen und zeigte hunderte junge, hipsterige, gesund wirkende Menschen, die geduldig in einer breiten, endlosen Schlange vor einer Tür anstanden. Ich fragte mich natürlich, was es hinter dieser Tür gab, das beim jungen Menschen ein derart engagiertes Stehvermögen auszulösen imstande war: Drogen, Studienplätze, ein Volksbegehren für bessere Arbeitsbedingung, die Gründung einer eigenen Gewerkschaft oder was. Die Antwort war: Kuchen. Hinter der Tür gab es Kuchen. Von tollen Leuten selbstgebackenen, irgendwie subversiven, ja rebellischen Kuchen, aber Kuchen. Nichts gegen Kuchen. Ich liebe Kuchen. Kuchen ist etwas Großartiges. Ich habe mich trotzdem gewundert.

Aha. Das treibt den jungen Menschen heutzutage also in Massen auf die Straße. Kuchen also. Hm. Interessant.

7.03.12

Wir sind hier ja nicht bei Lottmann

| 03/12 Falter-Kolumne

Da huldigt man seit Wochen brav dem Gott des Schreibens und des klaren Gedankens, geht nie aus, trinkt weniger als mäßig, ernährt sich gesund, geht viel zu Fuß und zeitig zu Bett und opfert ihm auf diese Weise viele lebensfrohe Momente im Freundeskreis. Dann geht man einmal aus. Einmal nur, weil es etwas zu begehen gab, unausweichlich. Mit der Folge, dass man sich anderntags nach drei Stunden Schlaf aus dem Bett quält, mit brüllendem Schälweh, um halbblind Jausen- und Frühstücksbrote zu schmieren und mit schmerzlicher Müh viel zu klein gedruckte Mitteilungen in Mitteilungsheften zu entziffern, nur damit einem die Kinder, als man sie endlich bekleidet bei der Tür hat, entschieden den Abschiedskuss verweigern. Und einen wieder ins Bett schicken: Bitte, Mama, schlaf noch ein bisschen.  

Gerne, danke. Ist dann natürlich nichts mit Schreiben, nirgendwo auch nur die Idee eines klaren, geschweige denn neuen Gedankens, den ganzen Tag nur Jammer und Aspirin. Allerdings lässt sich in diesem Fall sagen, dass alles für eine guten Zweck war, nämlich für einen vollumfänglich freudvollen und lohnenden Abend, der mit der „Braunschlag"-Präsentation begann und in einem kuscheligen Delirium endete, auf das hier weder detailliert noch namentlich eingegangen  wird, das ist ja kein Lottmann-Text.

Stattdessen an dieser Stelle ein paar Worte zum Thema Nepotismus, der in Österreich üblicherweise durchaus in einer sehr reinen, buchstabengetreuen Form praktiziert wird (Nepotis = der Neffe), aber  unter einem andern Begriff geläufiger ist, und bevor Sie nun die Freunderlwirtschaftsleule auf diese Kolumne herunterpracken lassen: jaja. Eh. Allerdings darf ich bitte eins anmerken: Nepotismus ist eine  geschissene, unangenehme Sache, wenn man einen unfähigen, talentfreien Freundeskreis hat, den man aus amikaler Räson dennoch ständig nach oben loben muss, mit überkreuzten Fingern und einem brennenden Würgen im Magen, das sich früher oder später zu einem veritablen Geschwür auswachsen wird. Umso bescheuerter wäre es, nicht zu feiern, dass man das Glück hat, mit Bekannten gesegnet zu sein, die etwas derart Famoses und Einzigartiges wie „Braunschlag" erfinden, auf die Beine stellen und spielen. Zumal man eh der 150. ist, der auf diesen Umstand akklamiert. Denn mittlerweile wurde die ORF-Serie, die man schon vor ihrer Ausstrahlung auf DVD anschauen kann, schon so durch Sonne und Mond gelobt, dass es von äußerst geringem Originalitätsfaktor ist, wenn hier jetzt noch einmal konstatiert wird, wie großartig das ist, wie genau und grantig und kühn und echt, wie fantastisch das Ensemble, und wie präzise David Schalko hier seinen Schauspielern die Figuren zwar auf den Leib geschrieben, aber auch ganz fein gegen ihren üblichen Strich gebürstet hat. Trotzdem wird das hier noch einmal bedingungslos empfohlen. So. Fertig. Und jetzt geh ich mal einen neuen Gedanken suchen.

2.02.12

Andere Menschen, andere Räume

| 02/12 Falter-Kolumne

Also er finde die Lana-del-Rey Diskussion echt überflüssig, sagte Sedlacek.
Du bist aber der erste, der fleißig diskutiert, sagte ich.
Es gehe hier um die Kreativität, sagte Sedlacek, die Radikalität der künstlerischen Ästhetik, um einen, ja, Kulturbruch.
Ja eh. Aber allerweil darf man ein Frauenmodell wie jenes, das uns Frau Del Rey in ihren Videos anbietet, dennoch auch im Windkanal der Alltagstauglichkeit und des feministischen Diskurses testen.
Schwerer wog deshalb der Einwand von Kollegin Gini B., die meinte, sie müsse jetzt in diese Debatte doch einmal ein wenig komischhaarige Ernsthaftigkeit reinschütten, weil: Wieso soll uns jetzt auf einmal wieder das Glück der Herren primär wichtig sein?
Eh nicht primär. Andererseits glaube ich sehr an glückliche Männer (also an zufriedene Menschen egal welchen Geschlechts), denn, um hier einmal bei den Männern zu bleiben: Unglückliche, unzufriedene Männer sind keine guten Partner. Sie sind schlechte Väter, schlechte Kollegen, schlechte Chefs und schlechte Lehrer. Gute Künstler vielleicht, aber eine Voraussetzung dafür ist der Verbleib im Unglück, denk ich, auch nicht.
Allerdings ist es, da bin ich mit B. vollkommen d`accord, natürlich nicht die Aufgabe der Frauen, die Männer glücklich zu machen, so wie überhaupt, jetzt einmal außer bei Kindern, nie ein Mensch für das Glück eines anderen verantwortlich ist. Das muss man selbst wollen: glücklich sein. Was es manchmal nötig macht, sicherzugehen, ob der Ort, an dem man sich befindet, richtig ist oder ob man lieber woanders hinwollerte. Ob man vielleicht unter anderen Umständen anders entschieden hätte, und was das für das Akut-Dasein bedeutet. Ob die großen Entscheidungen richtig waren, und wenn nicht, was jetzt. Und vielleicht muss man zuweilen austesten, ob man nicht in ein falsches Leben geraten ist, ob ein anderes Leben besser und richtiger für einen wäre, ob einen andere Menschen, andere Räume glücklicher machen würde, zufriedener, richtiger.
Weil: an den notorisch Unglücklichen geht die Welt zugrunde.
 Man braucht es mit der Glückssucht jetzt ja nicht gleich so zu übertreiben, wie die Lächel-Sektierer in Paul Poets schönem, zart verstörendem und empfehlenswertem Dokumentarfilm „Empire Me", der gerade in den Kinos läuft. Aber den richtigen Ort finden, den Ort, an dem man sein kann und bleiben will: ja. Doch Und dabei kann es eben hilfreich sein, jemanden in der Nähe zu haben, der einen zuweilen zu dieser Auseinandersetzung mit der eigenen Geworfenheit zwingt.
Ich sage nicht, dass Lana das nicht kann. Sie vermittelt nur, und das scheint ja eben einen Teil ihrer Verlockung auszumachen, den Eindruck, dass sie es nicht wird, dass das Leben mit ihr aus Sex und Autokino und seriell durchgefeierten Nächten und Kulturbruchskunst besteht. Ist eh lässig, bloß. Mehr sag ich gar nicht. 
17.01.12

Glücklich werdet ihr mit Lana nicht

| 01/12 Falter-Kolumne

Jetzt mal ein paar Worte zu Lana del Rey. Ihr wisst schon, das Mädchen mit den dicken Lippen und den Abermillionen You-Tube-Clicks für gerade mal zwei oder drei Songs. Und ja, die ist schon sehr gut, in ihrer charmanten Verrutschtheit, ihrer sexy Übersexyness:  die Schlampenmanicure, der leere Schlafzimmerblick, das wunderschöne „Video-Games"-Video; flimmernder, verschwitzter, verkokster, californicationistischer L.A.-Style. Aber da ich mirs aussuchen darf, nehm ich stattdessen trotzdem lieber etwas anderes. Die puristische Wohnwagenfrau Laura Gibson („La Grande") zum Beispiel, im Moment aber vor allem die kleinen Skandinavierinnen von First Aid Kit, deren zweites Album jetzt gerade erscheint.
Der Titeltrack „The Lion´s Roar" läuft bei mir derzeit auf Repeat, man kann dazu, wenn die Kinder im Bett sind, schön betrunken und sentimental und missionarisch werden, also postete ich das Video auf Facebook. In dem Video gehen ein paar Mädchen mit interessanten Nasen im Mittelaltermodus durch einen kalten Wald und rudern in spinnerten Kleidern über kalte Seen, merkwürdig und altmodisch hippie-gothic, aber irgendwie auch sehr schön in seiner distanzierten Strenge und Ernsthaftigkeit. „Olsen Twins meets Enya meets Laura Nyro meets Kelly Family", kommentierte Campolongo. „Totaler Hippiemüll", befand Sedlacek, und ob dafür Ian Curtis sterben habe müssen, damit solcher Dreck wiedererstehe. „Lana del Rey hat beim Autogrammgeben nach dem Berlinkonzert immerhin gesagt: I think, i'm going to die", prahlte der Lange, „auf solche Ansagen wartest du bei denen vergeblich."
Natürlich kann man Del Rey und First Aid Kit und Laura Gibson einfach nebeneinander stehen lassen. Natürlich muss man das gar nicht vergleichen. Aber man kann. Weil hier hier zwei sehr verschiedene Frauentypen vorstellig werden, und weil die Herren Facebook-Kommentatoren voll klischee darauf reagiert haben. Na eh hört man lieber ein gehauchtes „It's you, it's you, it's all for you..." als ein hantiges "I´m a goddamn fool, but again: so are you."
Aber, Männer: Glücklich werdet ihr nicht mit Lana. Lana wird euch noch ein oder zwei Alben lang sexy Dinge ins Ohr flüstern und dann in eine schwere Depression sinken und vermutlich bei der Selbstmedikation verunfallen. Glücklich werdet ihr mit den komplizierten, strengen Mädchen mit den komischen Haaren, die sich und euch ernstnehmen, die mit euch streiten und euch einen Trottel heißen, wenn ihr wieder einmal besonders deppat warts. Während es Lana nach ein paar Hysterieanfällen wurscht sein wird, und das wird euch bald nicht mehr wurscht sein, und ihr werdet in der Leere ihrer Augen irgendwann nicht mehr das Verlangen sehen, ihr Leben mit Sinn (also euch) zu füllen, sondern Leere. Sagt also nicht, dass ich euch nicht gewarnt habe. Und, btw, der Lange hat gar kein Autogramm von ihr.
28.10.11

Weißt eh, wegen der Kinder

| 10/11 Falter-Kolumne

Die Sache mit dem Arbeitszimmer verfolgt mich. Danke für das Mitgefühl, das mich vergangenen Freitag während einer Lesung, also des anschließenden Gesprächs mit dem ausgezeichnet vorbereiteten Gastgeber, überwogte: Das war aber eh erfunden, was Sie da letztes Mal geschrieben haben, das mit dem roten Kopfhörer? Nein, leider, war es nicht. Dank auch an den freundlichen Manuel R. und seiner ebensolche Gattin, die mich einluden, wann immer es erforderlich sei, doch gerne ihr Arbeitszimmers zu benützen. Nein, R. sagte: eines unserer beiden Arbeitszimmer.

Das ist reizend und unglaublich großzügig und selbstverständlich ganz und gar unmöglich. Im Endeffekt werde ich nämlich unter einem roten Kopfhörer, umgeben von kochenden, spielenden, raufenden, youtubenden und Karate-übenden Verwandten immer noch produktiver sein, als in einem fremden Arbeitszimmer, in dem ich ohne Unterlass daran erinnert werde, dass ich nicht nur nicht über zwei, sondern über gar kein eigenes Arbeitszimmer verfüge, über keine Tür, um sie für Stunden hinter mir zu schließen, über keine eigenen vier Wände, die mich mit Ruhe umschlössen und die ich schmücken dürfte, wie immer ich wollerte. Was es mir zB. erlaubte, auch ein mal ein kinderunkompatibles Kunstwerk zu erwerben und aufzuhängen, was derzeit naturgemäßig unmöglich ist. Jetzt außer für Eltern, die sich gern mit dem Jugendschutz anlegen. Alles, was ich von befreundeten Künstlern kaufe, muss deshalb immer möglichst harmlos und erbaulich sein, was nicht optimal ist, wenn man von Kunstschaffenden umgeben ist, die gerade der Unharmlosigkeit überaus viel Spannendes abgewinnen können. Aber nie kann ich die wirklich aufregenden Sachen aussuchen, brennende Hendln, geile Madonnen, vögelnde Götter, kiffende Jesuse, masturbierende Amazonen, Fotos penibel nachgestellter Terroranschläge. Weißt eh, wegen der Kinder, hast du auch was, auf dem nicht arschgefickt, gewichst oder der gestorben wird? Hätte ich ein Arbeitszimmer, wäre das alles kein Problem.

Hätte ich ein Arbeitszimmer, hätte ich auch einen Diwan. Mit einem eigenen Fernseher davor. Und einem DVD-Player. Ich könnte dann viel öfter und vor allem zu allen mir genehmen Tageszeiten zum Langen sagen: Weißt was, blas mir den Schuh auf, ich schlafe heute auswärts. Allerdings streitet man natürlich unversöhnlicher, wenn man ein kuscheliges, inhäusiges Schlafasyl zur Verfügung hat, in dem man sein beleidigtes Ich auf weichen Kissen in Ruhe zur Ruhe betten kann. Weil man unmittelbar neben einem, mit dem man gerade einen kleinkriegsförmigen Konflikt durchexerziert, nicht gern und folglich nicht gut schläft. Auch nicht mit einem Kopfhörer auf den Ohren, weshalb es jeweils angezeigt ist, sich vor dem Zapfenstreich wieder zu versöhnen. Was tage-, wochen-, ja: jahrelang unnötig wäre, hätte man ein eigenes Arbeitszimmer aka Arbeitsschlafgemach... Hm. Ich weiß jetzt auch nicht.  

18.10.11

All the sweet Horses

| 10/11 Falter-Kolumne

Der Kopfhörer ist jetzt rot. Riesig und fett und feuerwehrrot, weil der riesige schwarze, der bislang eine arbeitende, schreibende, nicht gestört werden dürfende Mutter markierte, offenbar leicht zu übersehen war. Ich sitze mit meinem großen, roten Kopfhörer voller Ryan Adams am Tisch und schreibe, während die Kinder sich hinter mir („Was steht da? Ü-ber-do-sis, ach so.") Geschichten aus BRAVO vorlesen und der Lange neben mir endlich wieder einmal Rehragout schmort. Eh total schön! Trotzdem gehe ich, wenn ich eingeladen werde, durch anderer Leute Wohnungen und der Neid rinnt mir gelb und stinkend aus den Ohren: Du hast ein Arbeitszimmer!!! Nur für dich?!?

Wenn das in einer Woche wie der letzten geschieht, wo ein Kind wegen grad ein bisschen Fiebers vier von fünf Tagen nicht in die Schule gehen kann, kommt es vor, dass ich während der Arbeitszimmerbesichtigung in Tränen ausbreche, oh mein schluchz Gott ist das schluchz ein Schloss, kannst du es schnief wirklich von innen absperren? Buhuhu. Die Gastgeber fürchten einen Nervenzusammenbruch meinerseits, und mit was, mit Recht. Ich hätte auch so gern ein Arbeitszimmer; mit einem Schlüssel innen und einem komplizierten Schalldämmungssystem, das Klagen wie „Meine Lieblingsjeans ist immer noch nicht geflickt!!!" automatisch wegfiltert und nur Sätze durchlässt wie „Essen ist fertig!" und „Schatz, da ist ein großes Paket von einem Schuhversand für dich gekommen".

Aber ja. Schon gut. Ich jammere wie immer auf allerhöchstem Niveau und gegen meine eigenen Grundsätze. Wir wollten alles, jetzt haben wir, außer dem Arbeitszimmer, alles. Ist super, ja! Es ist wirklich prima! Nur manchmal ein bisschen dicht.

Aber: Es könnte schlimmer sein. Wir könnten zum Beispiel Läuse haben, und das hatten wir seit Wochen nicht. Oder Ryan Adams könnte kein neues Album gemacht haben. Hat er aber, "Ashes & Fire", und es ist fantastisch und überspringt sozusagen alles, was er seit „Cold Roses" gemacht hat: Was, behaupte ich jetzt einmal mit Nachdruck, sein bestes Album ever ist und vermutlich noch lange bleiben wird, weil es vielleicht überhaupt eines der besten Alben der Welt ist. Ich habe es jetzt jedenfalls drei Monate ohne Unterlass gehört und hätte Adams kein neues gemacht, würde ich es immer noch hören. Liegt an meinem Wiederholungszwang,  den ich momentan mit Adams „Rocks" füttere, seit drei Tagen schon, im roten Kopfhörer, während ich schreibe: Tränen, Vogelsang, Flüchtigkeit, wunderschön.

Wir haben das Haus aber auch verlassen und waren mit den Mimis bei der Kunst, schnell noch in der fabelhaften Gelatin-Ausstellung in Krems, in der ich viel über Möbeldesign lernte. Die Kinder lernten viel über Geschlechtsmerkmale und fanden das soweit lustig. Nur angesichts eines Exponats hörten wir den Satz: „Ich weiß schon, Erwachsenen gefällt so etwas, aber Kinder finden das ekelhaft." Ja, ok: Schau, da drüben, ein süßes Plüschpferd.



13.10.11

Meeting Joachim Lottmann

| 10/11 Falter-Kolumne

Wir fuhren im Taxi zum Flughafen und vom Flughafen mit dem Taxi nach Mitte, Anna, Mitzi, Polly und ich. Die ganze Zeit erzählte Anna, dass sie dieses Wochenende Joachim Lottmann treffen würde, endlich Joachim Lottmann kennenlernen. Joachim Lottmann! Ich sagte, bei allem, was ich über Lottmann gehört habe, möchte ich Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen. Ich habe mit Lottmann gemailt, das war ok, aber so persönliches Kennenlernen, das muss eigentlich nicht sein. Anna sagte, sie trifft Lottmann schon am Nachmittag und am Abend kommt er vielleicht mit uns essen. Ich sagte, also, nichts gegen Lottmann an und für sich, aber wegen mir braucht Lottmann nicht zum Essen mitkommen, allerdings ist es dein Geburtstag, da kannst du natürlich einladen, wen du willst. Aber wenn du Lottmann nicht einlädst, bin ich nicht böse. Anna sagte, sollten wir Lottmann für den nächsten Abend nicht auch gleich einladen, sie meine, Lottmann, Joachim Lottmann! Ich sagte, ja, gerade weil es Lottmann ist, solltest du Lottmann vielleicht erst einmal kennen, ich zum Beispiel würde Lottmann am liebsten gar nicht treffen. Aha, sagte Anna.

Ich sagte: Tatsächlich möchte ich Joachim Lottmann wirklich lieber nicht kennenlernen, nein, es macht mir überhaupt nichts aus, wenn Joachim Lottmann nicht kommt. Ja, mir gehts relativ gut ohne Joachim Lottmann, ich kenne auch so schon genug Schriftsteller, die meisten sind verrückt, und mein Bedarf an Verrückten, Depressiven, Borderlinern, Sexmaniacs und Koksschädeln ist derzeit völlig gedeckt, und ich muss schließlich auch noch mit mir selber fertigwerden, und das ist, ihr kennt mich, auch nicht einfach. Und Lottmann soll ja noch verrückter sein. Noch viel verrückter soll der sein. Wirklich, sagte ich, ich kann sehr gut ohne Lottmann, tatsächlich ist mir ein Berlin-Wochenende ohne Lottmann sehr viel lieber als eins mit.

Am Nachmittag traf Anna Joachim Lottmann, kam erschöpft und aufgewühlt zurück, und hatte erst einmal genug Lottmann. Dann aber schon bald nicht mehr. Ich sagte, du, wegen mir muss Lottmann heute eh nicht ins Restaurant kommen, aber es hieß dann doch: Lottmann kommt. Ich setzte mich an einen Platz, an dem sich Lottmann, falls er käme, nicht neben mich setzen würde können, weil eigentlich wollte ich lieber nicht mit Lottmann essen. Oder mit Lottmann plaudern. Eigentlich wollte ich Lottmann gar nicht kennenlernen. Ich glaube, ich machte am Tisch die eine oder andere diesbezügliche Bemerkung, manche davon mögen zugegebenermaßen ein wenig engstirnig und überzogen geklungen haben. Lottmann kam nicht, aber es wurde fast den ganzen Abend über Lottmann gesprochen, eine Konversation, während derer ich ein- oder zwanzigmal erwähnte, dass das okay für mich ist, wenn Lottmann nicht kommt, auch wenn ich Lottmann dann gar nie treffe und niemals kennenlerne. Dann rief Lottmann an, er vermeldete, er sei in der Kingsize Bar. Ich sagte, ich will eigentlich nicht in die Kingsize Bar gehen, weil zufällig Lottmann dort sitzt, ich will überhaupt nicht in die Kingsize Bar, und ich brauche Lottmann heute eigentlich nicht mehr, und nur, falls ich es noch nicht erwähnt habe, ich würde Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen. Ich glaube, dass ein Leben ohne Lottmann möglich ist. Ich sagte, ich kann sehr gut ohne Lottmann, sagte ich das schon. Wenn Lottmann in der Kingsize Bar ist und ich nicht, ist das total ok mit mir, echt, es macht mir nichts aus. Und wenn Lottmann nicht in der Kingsize Bar ist und ich auch nicht, dann geht das für mich ebenfalls völlig in Ordnung.

Wir gingen dann in die Kingsize Bar, die ungefähr so groß ist wie mein Badezimmer, aber zweihundert Mal mehr Leute fasst. Wir quetschten uns einmal von Süd nach Nord und dann von Nord wieder nach Süd. Auf dem Weg in den Süden erblickte ich ganz im Südwesten Joachim Lottmann. Ich weiß, wie Lottmann ausschaut, ich habe Lottmann schon auf Fotos gesehen, ich bin mit Lottmann auf Facebook befreundet, mir braucht man Lottmann nicht vorzustellen. Ich erkannte also Lottmann und zwängte mich weiter nach Süden, wieder hinaus aus der Kingsize Bar. Irgendwo auf dem Weg war ein Bier in meine Hand gelangt. Ich setzte mich draußen auf die Bank und trank das Bier. Ich fühlte Lottmann hinter mir, hinter der Glasscheibe, aber ich drehte mich nicht um, ich trank das Bier und konnte mir Lottmann, noch während ich das Bier trank, erneut auf einem Foto anschauen, einem noch warmen Polaroid, das Anna gerade gemacht hatte, da schau, der Lottmann, der steht da drinnen, direkt hinter dir, hinter der Scheibe, willst du ihn nicht kennenlernen? Lass mich mal überlegen, sagte ich, nein, eigentlich nicht. Die Polly und die Mitzi kamen dann auch heraus und sagten, weißt du was, der Lottmann steht tatsächlich da drinnen an der Bar! Ich sagte, ach was, ne, isses die Möglichkeit, ihr meint, wir sollten reingehen, einen trinken mit Lottmann, hmm, aber weißt du, wenn ich es recht bedenke, nein, eigentlich will ich Lottmann lieber nicht begegnen. Jetzt ist es heraussen: ich denke, dass ich Lottmann nicht kennenlernen möchte.

Wir gingen dann ins Hotel und schliefen. Am nächsten Nachmittag sandte Joachim Lottmann Anna ein SMS. Anna rief, ach, der Lottmann! und sandte Lottmann ein SMS zurück. Ich sagte: ach, der Lottmann, wie schön. Lottmann sandte noch ein SMS. Anna sagte, du ich werde Lottmann für heute Abend jetzt doch auch zum Essen in die Paris-Bar einladen, das wäre doch wahnsinnig gut, oder? Ich dachte, vielleicht sollte ich einmal bemerken, dass ich Joachim Lottmann sehr gerne nicht kennenlernen würde, weil ich glaube, dass Lottmann und ich eventuell nicht so kompatibel sind. Ich sagte aber gar nichts, ich fand, dass ich den Wunsch, eine Begegnung mit Lottmann zu vermeiden, eventuell schon leise hatte anklingen lassen. Anna sagte, also was meinst du? Ich sagte: Frag einfach die anderen. Anna frug die anderen, rief, super!, und sandte Lottmann ein SMS, ob er nicht am Abend zu uns in die Paris-Bar zu kommen wünsche, wir würden uns alle sehr freuen. Lottmann musste zur Geburtstagsfeier seines Bruders, erwog allerdings, diese, da in unmittelbarer Paris-Bar-Nähe, zwischendurch zu verlassen, um sich zu uns zu gesellen. Ja, teilte Lottmann per SMS mit, genau das werde er tun. Lottmann wird doch kommen, ist das nicht wahnsinnig gut?, sagte Anna. Ich sagte, wenn du mich so direkt fragst, würde ich Joachim Lottmann eigentlich lieber nicht kennenlernen.

Wir gingen in die Paris-Bar. Ich wählte einen Stuhl, neben dem kein anderer frei war. Es war sehr schön in der Paris-Bar, wir aßen Austern, Blutwürste und Rindfleisch und tranken Weißwein. Alle außer mir warteten auf Lottmann. Lottmann blieb fern; ich vermisste ihn nicht.

Anderntags musste ich früher als geplant nach Wien zurückfliegen. Die anderen frühstückten derweil mit Lottmann. Sie machten viele Fotos von sich und Lottmann und von Lottmann und sich. Ich habe die Fotos gesehen. Auf den Fotos sieht Joachim Lottmann aus wie Joachim Lottmann, wenn er mit Polly, Mitzi und Anna frühstückt. Sehr sympathisch eigentlich, und das Frühstück soll interessant und lustig gewesen sein. Da hättest du endlich einmal den Lottmann kennenlernen können, sagte Anna, schade, dass du nicht dabei warst. Ja, jetzt habe ich doch tatsächlich Joachim Lottmann nicht getroffen, so ein Pech auch.


Aus: Moderne Nerven / Brennstoff, Hg von Ela Angerer, Czernin, Frühjahr 2011

10.10.11

Ich gehe dann mal kochen

| 10/11 Falter-Kolumne

Endlich Herbst. Endlich Wochenenden, an denen man guten Gewissens die frische Luft verweigern kann, weil sie kalt und nass und grau und vermutlich gesundheitschädlich ist. Das heißt, man fläzt mit Kindern und Büchern im Bett ummadum und hört mit Interesse alle Gründe der Kinder ab, wieso es unumgänglich ist, jetzt den Fernseher einzuschalten.
Man sei zu erschöpft zum Spielen.
Man müsse chillen.
Auch ein Kind  habe ein Recht zu chillen.
Man habe eine urherausfordernde Woche hinter sich und habe etwas Entspannung verdient.
Man wolle sich die Art der Entspannung wenns geht selber aussuchen.
Wir sähen auch immer fern.
Ein bisschen Verblödung sei zumutbar,
Man habe den ganzen Sommer nicht fernsehen dürfen.
Man werde durch derlei Generalverbote dem Medium völlig entfremdet, das sei auch nicht gut für die Entwickung eines Kindes.
Alle anderen dürfen auch fernsehen.

Ich halte mich da allerdings strikt an die Erziehungstipps meines Lebensberaters Dr. A, der unlängst auf meinem Sofa saß und sagte: „Konsquenz ist alles. Ich bin mit meinen Kindern sehr konsequent. Manchmal bis zu zehn Minuten lang." Dann installierte er den quengelnden Kindern auf unserem neuen Fernseher die Wii.

Während ich erst einmal kochen ging. Ich habe jetzt endlich auch „Tiere essen" fertiggelesen, das macht den Langen nicht froh. Er fürchtet um seine Ernährungsroutine, der das sommerliche Landleben, das ihm täglich Fleischstücke auf den Rost zauberte, extrem entgegen kommt. Aber jetzt koche ich auch wieder, weil Herbst ist, und im Herbst lese ich Kochbücher und rühre in den Töpfen. Heuer Schwerpunkt Curry, wobei ich augenblicklich jene Schärfe anpeile, bei der Lange nicht mehr merkt, ob er Schwein oder Kürbis isst. Noch bin ich dort nicht angekommen, aber ich arbeite daran.

Der Lange weiß allerdings auch, dass Hoffnung besteht, weil mein Gehirn zuverlässig auch den Inhalt von Jonathan Safran Foers Buch, wie den jeden anderen Buches, in zwei bis sechs Wochen gelöscht haben wird, und zwar vollständig. Ich kann mich daran erinnern, was ich ich bei der schriftlichen Matura anhatte, ich kann mich erinnern, dass die Doors liefen, als ich zum ersten Mal knutschte und weiß noch, wie ich meine Haare hatte, als ich den Langen zum ersten Mal sah, und was ich zu ihm sagte, und was er zu mir sagte. (Das ist leicht: gar nichts.) Aber ich habe den Inhalt jedes Buches vergessen, das ich meinem Leben gelesen habe. Das ist nicht gut, weil man mit dem Satz: „Ich hab es gelesen, weiß aber nicht mehr, worum es geht" in Konversationen häufig Misstrauen weckt.
Auf dieses vollumfängliche Vergessen hofft der Lange nun. Bis dahin macht er seit neuestem wieder täglich Mittagspause macht, lass mich raten, wo.


4.10.11

Das kann Alice Schwarzer so nicht gewollt haben.

| 10/11 Falter-Kolumne

Mail von Leserin F. Die blätterte offenbar in der Woche nach meiner Charlotte-Roche-Kolumne den Falter durch und suchte vergeblich nach dem Pranger, an den man mich für meine Kritik an Alice Schwarzers Kritik selbstverständlich gestellt haben musste. „Wo sind die Kommentare der erbosten Frauen?" schreibt Frau F. erschüttert. „Keine Entschuldigung oder Rechtfertigung. Darf sich die Knecht das echt leisten?" Ja, weit sind wir gekommen: Auf einmal dürfen Frauen ungestraft alles und jede kritisieren: sogar Alice Schwarzer. Und zwar, ohne dass man danach öffentliche Selbstkritik üben muss oder zumindest von jemandem die Leviten gelesen bekommt, der besser Bescheid weiß über das Leben und wie eine Feministin zu sein und zu schreiben hat. Das kann Alice Schwarzer so nicht gewollt haben. Wir leben in einer kranken, gestörten Welt.

Leider sei, schreibt Frau F. weiter, auch „der lapidare Kommentar" ihrer Freundin zu meiner Kolumne kein echter Trost gewesen, die sagte: „No, die hat wahrscheinlich a Probleme mit ihrem Langen." Das hat mir sehr gefallen. Weil ausgerechnet Feminstinnen sich hier der guten alten machistoiden Frauenmeinungstotschlagskeule bedienen: Die Oido ist offenbar ungfickt, sonst würde sie nicht immer so undsoweiter. Weil Kritik bei Frauen ja immer aus schlechter Laune resulitert, die wiederum bekanntlich stets die Folge sexueller Minderbefriedigtheit u. Ä. darstellt. Aber genau, Frau F., warum sollen nicht auch Frauen mit den brunzdümmsten Argumenten daherkommen dürfen, gleiches Recht für alle! So ungefähr war das doch gemeint mit dem Feminismus, oder. Wobei, ich muss der Freundin Recht geben: Ja, ich habe Probleme mit dem Langen, ständig, immer wieder, Tag für Tag, und das schon bald 20 Jahre lang. Kein Wunder also, dass Alice Schwarzer so schrecklich unter mir zu leiden hat.

Allerdings entkräftete die Feministin, der wir Frauen unendlich viel zu verdanken haben (was ich völlig ernst und aufrichtig meine, es nervt nur, dass man über Schwarzer nie ohne dieses Vorwort sprechen darf, andernfalls man sich der Respektlosigkeit und des Contrafeminismus schuldig macht), selbst schon eine Woche später meine miesepetrigen Unterstellung, sie habe noch nie mit Männern. Indem sie hurtig ihre Autobiografie veröffentlichte, mit einer sensationellen Enthüllung: Sie hat nämlich doch. Boah. Also. Hm. Tja. Auch der FALTER wies mich letzte Woche in seiner Schwarzer-Huldigung auf meinen Irrtum hin, wie er sich überhaupt mit spürbarem Mitgefühl der Kritik an Schwarzer annahm. U.a. sei sie von Zeitungen als „Hexe mit stechendem Blick" tituliert worden, das müsse man „erstmal aushalten, aber Schwarzer hält es aus". Es wird nicht erwähnt, wie sie das aushält, nämlich indem sie für die Zeitung, die sie derart insultierte, jetzt schreibt und wirbt: für BILD, das Zentralorgan des deutschen Chauvinismus. Aber es ist Alice Schwarzer, also ist es gut.
27.09.11

Nächste Woche wird alles wieder normal

| 09/11 Falter-Kolumne

Wir waren im Wald spazieren und ich habe den Mimis gesagt: Diese Woche ist Vater-Schonung angesagt. Wenn er wegen nichts auszuckt: einfach lächeln. Wenn er auf Fragen nicht antwortet oder wenn die Antworten nicht zu den Fragen passen: einfach so tun als ob. Diese Woche keine Debatten übers Rauchen, das könnt ihr ihm nächste Woche wieder abgewöhnen. Sowie er natürlich überhaupt alles, was wir ihm diese Woche durchgehen lassen, in der nächsten Woche mit Zinsen vom Sparbuch abheben kann. Nächste Woche, nach dem Samstag abend, nach seinem Konzert, da wird alles wieder normal.

Das eine Mimi hat gesagt: Jaja; das andere: Können wir jetzt umkehren, mir tun die Beine weh. Ich sagte, wir gehen grade mal eine Viertelstunde. Das Mimi: Trotzdem. Ich sagte: Als ihr vier wart, sind wir mit euch stundenlang über die Almen gewandert und ihr habt nicht gejammert, ihr fandet es toll. Das Mimi: Sobald ich wieder vier bin, werde ich wieder richtig Spass am Wandern haben, das wird lustig.

Sie haben jetzt Handys. Das war möglicherweise das letzte Wochenende, dass sie überhaupt noch aus freien Stücken mit mir gesprochen haben, auf einer Wie-ändert-man-den-Hintergrund-Basis. Weil jemand musste ihnen das Handy ja erklären, und der jemand war: richtig. Aber bitte: Im Schlafzimmer läuft ein neuer Fernseher, Flachbild, 104 Zentimeter Diagonale, alle Programme, wo sie sein sollen, und das einzige was ich tun musste, war zu helfen, ihn heraufzutragen. Danach war es wichtig, zwei Stunden lang nicht in die Nähe des Schlafzimmers zu geraten. Bei dem einen Mal, bei dem sich eine Betretung nicht vermeiden ließ, stieß ich auf einen Langen, der mit einer Bedienungsanleitung vor einem blau leuchtenden Bildschirm saß und mit traurigen Augen sagte: Das funktioniert nicht, keine Chance. Ich sagte: Oje, und ging wieder. Eine Stunde später funktioniert es, ohne mein Zutun.

Denn ich lerne. Ich lerne nicht nur von Alice Schwarzer, sondern auch von Wolf Wondratschek, der im Standard-Sommergespräch mein neues Lebensmotto formulierte, in dem er erklärte, wie man die Schriftstellerei und das Kinderhaben unter einen Hut kriegt. „Auf den Spielplatz gehen, in den Kindergarten. Alle Phasen. Aber keine Verpflichtungen. Es war für mich immer klar, wenn ich merke, es kommt ein Roman, der geschrieben werden muss, dann weiß ich, das sind etwa zwei Jahre, dann werde ich mir diese Zeit wirklich nehmen und mich in die Isolation begeben."

Ich warte nur noch bis nächste Woche, nur noch bis nach dem Konzert, dann werde ich dem Langen erklären, dass ich den neuen Roman in mir spüre und dass er jetzt geschrieben werden muss, und ich mich jetzt ein, zwei Jahre nicht um die Kinder und den Haushalt kümmern kann. Ich brauche jetzt bis auf weiteres so etwa einen Meter Isolation um mich herum. Keine Verpflichtungen, vorläufig.
Ich weiß, er wird das verstehen.

7.09.11

Alice Schwarzer kennt sich da nicht aus

| 09/11 Falter-Kolumne

Ich bin offenbar circa der einzige Mensch im deutschen Sprachraum, der Charlotte Roche und ihr Buch mag. Findet das sonst niemand voller Witz? Lacht niemand mit mir über die gründliche gut-jungdeutsche Befindlichkeit, über die sich Roche lustig macht? Findet keine andere, dass sie den Alltag modern und korrekt sein wollender junger Mütter sehr scharf beobachtet, mit all den ideologischen und politischen Fallen, mit all Dingen, zwischen denen man sich entscheiden muss und mit all dem Druck, unter dem man steht? Alle sehen immer nur die Würmer wuseln, und gut, da und dort und dort hätte ein entschlossener Rotstift nicht geschadet. Aber es zeigt sich wieder einmal: Wenn Männer etwas Ekelhaftes oder Gewalttätiges beschreiben ist es interessant und mutig, wenn Frauen es tun, ist es ekelhaft und aggressiv. Weil Frauen die ironische Distanz zwischen Sein und Kunst ja offensichtlich nicht gegeben ist, die können da ja von Natur aus nicht abstrahieren, und deshalb kann das höchstens immer nur unfreiwillig komisch oder überraschenderweise gelungen sein. Ich lese auch immer, dass "Schoßgebete" ja viel sei, aber sicher keine Literatur. Wenn ein junger deutschsprachiger Schriftsteller nach dem anderen mit seinen Urlaubsabenteuern Bücher vollschreibt wie weiland Volkschulhefte mit Meinschönstesferienerlebnis, dann sagt niemand, wie es korrekt wäre: Also, übrigens, das ist eigentlich keine Literatur, das nennt man Reportage. Nein, dann erfindet man einfach schnell einmal eine neue Gattung, Doku-Roman oder so, und schon passt alles. Aber Roche: Na, Literatur ist das bei Gott nicht. Irgendwie ist das alles bisschen frauenfeindlich.


Ich habe überhaupt selten so viel Frauenfeindliches gelesen wie jetzt im Kontext mit Roche und wie eine Frau über das Leben schreiben soll. Und wie nicht. Unter anderem von Alice Schwarzer, die es nicht gern hat, wenn eine erfolgreiche junge Frau vergisst, dass sie Alice Schwarzer alles zu verdanken hat. Deshalb muss Schwarzer Roche in einem dummen offenen Brief ugehend daran erinnern und nebenbei ein bisschen von der Debatte profitieren. Man war ja mal befreundet, ne.


Mir gehts wie Charlotte Roche, ich fänds schön, wenn Alice Schwarzer zwischendurch einfach auch einmal die Klappe hielte. Gegen Chauvinismus sein, aber für die BILD arbeiten. Nie ein Kind, nie einen Mann, vielleicht nie Sex mit einem Mann gehabt haben, aber immer genau wissen, wie das geht, und wie man das zu machen, und wie man da zu leben hat. Aber, es tut mir leid, das sind nun einmal ein paar von den Sachen im Leben, wo einen auch die umfassendste Theorie nicht zum Besserwissen in der Praxis legitimiert. Nur wer Kinder und Heterosex hat, weiß wie das ist, und wer's nicht hat, hat keine Ahnung und soll dazu nicht s'Maul aufreißen. In diesem Fall: Roche ja, Schwarzer nein, so einfach.

25.08.11

Der Lange findet, Himbeersaft tuts auch

| 08/11 Falter-Kolumne

Schon wächst das Gras langsamer, schon müssen wir uns nicht mehr mit der Machete zur Hängematte durchschlagen, schon gibt es nicht mehr jeden Tag Fisolen und Zucchini. Schon faulen uns die monatelang gehätschelten Paradeiser von den Stengeln, so dass man das ganze schöne Bio-Graffel einfach in den Müll werfen kann und tschüss. Die Flora lockert ihren eisernen Sommergriff. Es ist heiß wie nie, aber es herbstelt schon, die Stadt und das Leben darin wachsen uns uns schon in die Sommergegenwart hinein, frühes Aufstehen, langes Ausgehen, wieder vollständige Hosen und Kleider tragen, wieder acht Zentimeter größer sein.

Dafür jetzt Fauna galore. Die Nachbarn fuhren in den Urlaub und erklärten ihre Katzen zu Selbstversorgern, und schau, das funktioniert. Eine der Katzen fand heraus, dass es bei uns Futter gibt und erzählte es ihren acht Verwandeten weiter. Das erzeugt überraschende Effekte, wenn der Lange brüllt, dass er ab sofort keine degenerierten Schrott-Katzen mehr füttert, aussi es deppatan Viecha!, und wenn er glaubt, keiner schaut hin, sitzt er irgendwo und krault heimlich eine Babykatze. So einer ist das nämlich. Also, wenn er nicht gerade Feldzüge gegen Wespen führt, wo ich sage, kauf einen Spray und richte ihn abends, wenn die Wespen schlafen, auf das Wespennest, das funktioniert. Das ist aber nichts für den Langen. Der Lange hat auf die Wespen, die ihm die Freude am aushäusigen Essen verderben, einen Zorn und zwar einen alttestamentarischen. Er will sie bestrafen, er will sie richten, in immer neuen, transparenten Wespenfallen, die die Wespen überhaupt erst an den Tisch locken, damit man ihnen dann beim Sterben zusehen kann. Der Horwath hat auch so eine. Nur Männer kaufen den Scheiß.

Während der Lange draußen seine Ländereien verteidigt und Exempel statuiert, esse ich mit den Mimis und dem Gastkind, das vorletzte Woche woanders in ein Wespennest stieg und 27 Mal gestochen wurde, jetzt drinnen, bei geschlossenen Fenstern. Vor allem, weil der Lange im Baumarkt zwar jede schiarche Wespenfalle kauft, aber immer bei den dazugehörigen Spezial-Flüssigkeiten spart, weil er findet, Himbeersaft und Bier tuns auch. Die Wespen finden das gut, sie erzählen es allen ihren Freunden und Verwandten weiter, und alle kommen gemeinsam in großen Schwärmen an unseren Tisch und saufen das Himbeerbier aus den Wespenfallen, und bleiben dann noch ein bisschen am Tisch und warten, was es Feines zur Hauptspeise gibt. Der Lange behauptet, die Katzen, die deppaten Viecha, hätten seine Superfalle umgeschmissen und damit ihren Effekt ruiniert, aber das ist gar nicht wahr. Ich bin froh, dass sein Hauptfeind, der Maulwurf, eben wieder aufgetaucht ist, trotz perfidester und ausgeklügeltster Maulwurfsabwehrsysteme. Das lenkt den Langen von den Wespen ab. Ich werde die Fallen verschwinden lassen, die deppaten Katzen werden es gewesen sein. 
14.07.11

Nie machst du etwas mit mir

| 07/11 Falter-Kolumne

An sich war die Idee gut. Eine exzellente Strategie zur Überwindung des innernen Faulsacks. Der heurige Sommer soll nämlich auch der körperlichen Ertüchtigung gewidmet werden, wofür es, wie sich im letzten Herbst bitter zeigte, leider nicht reicht, ein paar Mal täglich zum Gemüsebeet und zurück zu gehen und ab und zu hinüber zu den Horwaths auf ein Glas Wein. Es fing auch alles vielversprechend an, man war in Kroatien täglich kampfgeschwommen im Meer, tatsächlich täglich, bis auf einen von den Tagen, an denen wir alle herumlagen wie die erschlagenen Fliegen. Die Horwathin und ihre Schwester hatten Schädelweh, dem Langen war schlecht, der Horwath ging nach dem Frühstück wieder ins Bett und ich fand es um halbzwölf höchste Zeit für einen Mittagschlaf. Wir schoben die Schuld auf der Hitze, auf die Erschöpfung durch unmäßige Erwerbsarbeit und auf das kroatische Weißbrot, bis wir nach zwei hundskaputten Tagen endlich kapierten, dass wir alle auf Entzug waren, weil der Lange irrtümlich koffeiinfreien Espresso gekauft hatte, Oida. Danach schwamm ich wieder und dachte, während ich schwamm, über das Leben nach und darüber, wie ich ab nun täglich laufen würde, und zwar täglich, komme was wolle.  
Nach einer Woche im Waldviertel hatte ich den Garten nicht verlassen, bis auf zweimal Weintrinken beim Horwath und einmal Pfau schauen bei Künstlers. (Weil Sie gefragt haben: Der Pfau wurde bekanntlich vom Horwath eingefangen, eingesperrt, benannt, gefüttert, nach drei Tagen freigelassen und spazierte eine Stunde später wieder bei Künstlers durch den Garten. Der Horwath will jetzt nicht mehr über den Pfau sprechen. Künstlers haben dem Pfau eine neue Frau gekauft, während wir in Kroatien waren. Der Pfau schreit jetzt nicht mehr, er juhut nur noch verliebt.) Ich erkannte: Ohne Personal Trainer wird das nichts mit dem täglichen Sport, ich brauche einen Personal Trainer.
Ich ging  zu den Mimis und sagte: Wer hat Lust, mit mir laufen zu gehen? Das eine Mimi, das sehr nach dem Langen kommt, zeigte mir wie vorgesehen den Vogel, das andere Kind, das mit den Fetischen und dem Ritualisierungszwang, rannte ins Zimmer und zog sich ein Laufgewand an. Wir liefen los. Also, ich lief, das Kind rannte vor und zurück und fand, das sollte man öfter machen. Am nächsten Morgen stand das Kind um sieben im Schlafzimmer und fragte, wann wir endlich laufen gehen. Ich sagte: später vielleicht. Das Kind kam später wieder, und fragte, wann wir endlich laufen gehen. Ich sagte: Schau aussi, es schifft!, morgen vielleicht. Zehn Minuten später lief ich mit dem Kind, das die Nie-machst-du-etwas-mit-mir-immer-nur-leere-Versprechungen-Strategie angewandt hatte, durch tropfendes Grün. Ist doch schön, nur wir zwei im Wald, sagte das Kind, morgen laufen wir wieder, oder. Ich keuchte zustimmend. Es regnete mir in die Augen. In der Ferne juhute ein Pfau. 
6.07.11

Das kann einen Mann schon an der Jagd hindern

| 07/11 Falter-Kolumne

Am Freitag bin ich hinüber zu Künstlers, die uns mit ihrer heimlichen Heirat überrascht haben: Meinen allerherzlichsten Glückwunsch zur Vermählung, ihr Spießer! Möget ihr immer etwas zu reden, zu streiten und am Hof umzubauen haben und  zusammen glücklich bleiben, bis dass der Tod euch scheidet oder es der Gattin im Waldviertel wieder zu einsam wird. Apropos, weil wir gerade davon reden, der Bertl. Der Pfau.
Wir saßen in Künstlers schönem, grünem Innenhof, Künstler hatte mir ein Stück Hochzeitstorte kredenzt und von Hand Kaffee gemahlen und aufgesetzt. Der Kuchen war gut. Und während wir so an der warmen Wand saßen und über den Pfau sprachen und seine Weckrufe, und wie ich so sagte, dass der Lange und ich der Meinung seien, der Pfau sei im von unserem Schlafzimmer weit entfernten Gehöft seines ursprünglichen Besitzers sehr viel besser aufgehoben,  und wie so der Künstler sagte, na ihn und die Künstlerin störte den Pfau eigentlich gar nicht, da wurde mir auf einmal klar: Die haben den Bertl liebgewonnen. Na, klar, der Pfau wohnte ja jetzt schon seit mehr als zehn Tagen bei Künstlers, seit er in das  Horwathschen Gehöft gebracht worden und nach nur einem Stündchen in seinem neuen Heim abgeflattert war, und dem Horwath war danach von krankem Kind bis hinichem Auto alles dazwischengekommen, was einen Mann an der Pfauenjagd zu hindern vermag.  Der Pfau schlafe, sagte der Künstler, nachts am Dach, aber tagsüber hüpfe er, und Künstlers Stimme klang liebevoll, vom Dach herunter und spaziere still und zufrieden durch den Hof und die anliegenden Ländereien, schaue mal kurz ins Atelier hinein, schlage hin und wieder, er habe davon Fotos, ein Rad, picke auf, was die Natur und die Jahreszeit ihm bereitlege und gebe den ganzen Tag keinen Ton von sich, außer ein leises, zufriedenes Gurren dann und wann. Wo ist er jetzt eigentlich? Irgendwo da hinten.

Und wie der Künstler so vom Bertl sprach, mit leuchtenden Augen, da musste ich ihm zustimmen: Der Pfau war bei ihm und der Gattin eigentlich gut aufgehoben. Die sind die ganze Woche da, und haben keine Hühner, die der Pfau paralysieren kann, und dass uns am Wochenende sein Geschrei weckt... na gut. Hhhhmmm. Wir tranken den Kaffee und schauten in die Hügel. Und was steht heute noch an?, fragte der Künstler. Ich habe eine Lesung, sagte ich. Ach so, wo?, sagte der Künstler. In Köln, sagte ich.
Wie ich später beim Boarding am Flughafen saß, schickte mir der Lange ein SMS: Der Randalierpfau sei gefangen, hier der Beweis: Ein Foto vom Horwath im hohen Gras, mit seinem Pfau im Arm, etwas gerötet und gezeichnet von der Pfauenjagd, aber auch ganz stolzer Besitzer. Irgendwo weit dahinter, die eigentliche Besitzerin, die Horwathin. Nirgends die Künstlers. Der Bertl wohnt jetzt im Horwathstall und heißt nun Archibald, und als ich  zurückkehrte, war es ganz still in der Früh.

29.06.11

Wo haben Sie denn Ihre Burg?

| 06/11 Falter-Kolumne

Das war also die Geschichte von den Pfauen vom Horwath, die der Horwath der Horwathin zum Geburtstag schenken wollte, und die abpaschten, bevor die Horwathin ihrer ansichtig wurde. Sie waren ein schönes Paar gewesen: der blaue Bert und seine elegant graumelierte Frau, die Cindy. Der Horwath ist ohne die Geschenkspfauen nach Wien gefahren und hat der Horwathin zum Geburtstag die Geschichte von ihrem Geschenk erzählt. Die Horwathin hat gelacht. Es ist übrigens nicht wahr, was im Dorf erzählt wird, dass die Mimis die Pfauen gejagt und solcherart verscheucht haben: Die Pfauen waren ja ganz frisch im Hof vom Horwath, und seien wir sich ehrlich, sie hätten, so habe ichs jedenfalls hinterher auf www.pfauenforum.de gelesen, erst einmal ein Zeitl eingesperrt und von ihrem neuen Besitzer gehätschelt und angefüttert gehört, plus der Horwath hat komplett unterschätzt, wie hoch so ein Pfau fliegen kann. Der Horwath hätte vielleicht die Frage des Pfauenhändlers ernster nehmen sollte, wo er denn seine Burg habe. Wieso Burg? Darum. Zu spät.

Beziehungsweise nicht. Am Abend darauf hat mir der Horwath ein SMS geschickt: Der Pfau sitzt am Dach vom Nachbarstadl und singt alle drei Minuten ein traurig Liedchen. Na da schau her. Und ja, es war zweifelsfrei der Bertl, der verzweifelt nach der Cindy rief, die allerdings blöderweise Richtung Wald a.k.a. Richtung Fuchs geflüchtet war. Der Bertl rief die ganze Nacht und übersiedelte anderntags auf das Dach von Künstlers, mit oder ohne die freundliche Unterstützung des Bauern, der auch ein Gewehr hat. Nichts genaues weiß man nicht, aber der Pfau blieb erstmal dort am Dach und im Hof von Künstlers wohnen, die kein Gewehr haben.

Der Lange und ich haben uns mächtig abgehauen, und jedem die lustige Geschichte vom Horwath-Pfau am Künstlerdach erzählt, bis zum Wochenende, als uns bewusst wurde, dass das Künstlerdach exakt vis á vis von unserem Schlafzimmerfenster errichtet wurde bzw. umgekehrt. Wir lernten: So ein Pfau braucht nicht viel Schlaf. Der Pfau ist ein entschiedener Frühaufsteher. Er unterhält sich gerne mit den ersten frühen Vögeln, den Amseln und den Meisen, mit dem Unterschied, dass er ein Alzerl lauter zwitschert. Um halb fünf fing der Bertl an nach der Cindy zu rufen, das war noch ganz schön eigentlich, so ein melancholisches, aber doch auch optimistisches Zweiton-Rufen alle paar Minuten, im Prinzip musikalisch sehr ansprechend, wenn man dazu nicht unbedingt schlafen will. Leider antwortete Cindy nicht, und so gegen fünf wurde der Pfau sehr traurig und fing fürchterlich an zu weinen, und weinte dann so bis halb acht. Das macht er jetzt jeden Morgen. Der Horwath hat ihn einmal gehört und hatte dann plötzlich keine Zeit mehr, sich um die Pfauenjagd zu kümmern. Sollte er besser, denn bei Amazon gibts Steinschleudern schon ab Euro 5,90, ich habe schon gegoogelt.
22.06.11

Das würde die Schönheit vervollkommnen

| 06/11 Falter-Kolumne

Die Horwathin hatte Geburtstag. Da hat der Horwath beschlossen, seiner Frau einen alten Wunsch zu erfüllen. Weil immer sitzt die Horwathin im Garten (also, wenn sie einmal sitzt, meistens kniet sie in einem ihrer Blumenbeete, was deren  Unvergleichkeit jetzt zum Beispiel mit meinen erklärt), schaut sich das Haus an und den Hof, den rankenden (obwohl die Ritter mein Gemüsebeet kürzlich ob seiner ordentlichen Gejätetheit ein "Spießerbeet" hieß, Oida) Wein und die Rosen, die Kinder und die Hendln und sagt: Ein Pfau wär noch schön, der Pfau würde herrliche Pfauenräder schlagen, das würde die Schönheit meiner Umgebung praktisch vervollkommnen.  
So entschied der Horwath: Heuer bekommt die Horwathin ihren Pfau. Also zwei, weil Pfaue sind Paar-Tiere. Also eigentlich sind sie Vielweiberer, aber übertreiben wollte es der Horwath dann auch nicht, weil: die schreien ja, die Pfaue. Es sind wegen schreiender Pfaue schon viele nachbarschaftliche Freundschaften zerbrochen. (Aber wir sind zum Horwath ja keine direkten Nachbarn, also ist es uns wurscht. Also war es uns wurscht.)
Der Horwath recherchierte und fand einen Pfauenzüchter in Kärnten. Das war ihm aber doch zu weit. Dann fand er einen in Melk, den rief er an und erkundigte sich nach einem Pfauenpaar. Ja, er habe eins, sagte der Händler. Was????, sagte der Horwath, JA, ER HABE EIN PAAR!!!! brüllte der Händler in das ihn umgebende Gekreische hinein. Aha, sagte der Horwath, ob es das sei, das er gerade höre? Nein, sagte der Händler, das seien andere. Der Horwath nutzte eine kurze Abwesenheit der Horwathin und fuhr nach Melk, und spazierte hernach, Pfauenfeder am Hut, in unseren Garten hinein. Die Pfaue gewöhnten sich gerade an ihr neues Zuhause; die Hendln seien ob der Pfauerei ein wenig inkommodiert, aber das gebe sich schon. Wollten wir uns die Pfaue ansehen? Wir wollten.
Wir spazierten hinter dem Horwath in den Horwath-Hof hinein. Von den Hendln war keins zu sehen, aber Herr und Frau Pfau stoben davon, als sie unser ansichtig wurden. Wir setzten uns auf die Bank, um uns die Pfaue anzusehen und uns Namen für sie auszudenken. Waterloo und Robinson, Skopik und Lohn, Modern und Talking, Cindy und Bert, als Bert auf das Dach des Hühnerstalls flatterte, von dort auf die Mauer und von dort in die Freiheit. Der Horwath spurtete los, zum Tor hinaus, dem Bertl hinterher. Wir blieben zurück und schauten Cindy zu, die sich hinten beim anderen Tor versteckt hatte. Das Tor hat unten einen schmalen Spalt, den wir bemerkten, als Cindy ihn zur Flucht nutzte. Der Lange rannte los, und sah, als er das Tor aufriss, gerade noch, wie Cindy auf den Tisch der Laube sprang und aufs Dach des Nachbarhauses flog. Dann war sie weg. Bert auch. Die Horwathsche bekam zu ihrem Geburtstag eine herrliche Pfauenfeder, immerhin. Hoch soll sie leben.
15.06.11

Ich köpfel dann mal in den See

| 06/11 Falter-Kolumne

Nach drei Jahren wieder einmal in Zürich, und es ist herrlich. U.a. weil ich im Hotel wohnen darf, ganz allein in einem Zimmer, in einem versperrbaren Zimmer, in das in der Früh niemand hereinbricht, um die neuesten Abenteuer aus Gregs Tagebuch zu verhandeln oder mir bitteren Blicks das in offensichtlich kindesmisshandelnder Absicht nicht gewaschene AC/DC-Leiberl unter die Nase zu halten. Und es liegt auch keiner herum, der jetzt sofort die EVN-Rechnung oder ein lustiges Youtube-Filmchen besprechen will.
Das Hotelzimmer hat einen Nachteil; man muss aufstehen und sich anziehen, um an dringend benötigtes Koffein zu gelangen, das kann nach einem Abend mit Haemmerli, Higgs, Honzo und ein paar anderen Freunden, die man schon urlang nicht mehr gesehen hat, zum Problem werden. Nur Campolongo war leider gerade in Wien. Wir anderen waren in der Fischstube am See, fantastisch. Ich hatte vergessen gehabt, was für eine unglaubliche großartige Stadt Zürich im Sommer ist: eine Stadt, in der man beim Essen auf Segelboote schaut und auf türkises Wasser, das sich langsam dunkelblau färbt und dann schwarz, während drinnen die Kerzen angezündet werden und Haemmerlis Bruder noch eine Flasche Rotwein auf den Tisch stellt. Haemmerli hat ja, das weiß, wer seinen Film "Sieben Mulden und eine Leiche" gesehen hat, einen Bruder und der Bruder ist reizend und Koch, und er hat in dem Lokal seine Finger drin, was ausserordentlich zu begrüßen ist. Er hat auch eine Kochsendung im Zürcher TV; ich konstatiere, nachdem ich kürzlich Tim Mälzer kennenlernte, eine TV-Koch-Häufung in meinem Leben. Was immer das bedeutet, solange ich nicht Andi & Alex in meine Familie aufnehmen muss, solls mir recht sein. Jedenfalls saßen und tranken wir dort bis Sperrstunde und überreizten hernach jene der Kronenhalle-Bar, und gegen zwei Uhr früh fand ich es schwierig, das Hotel auf Anhieb anzuradeln.
Zudem ist es, als man andernmorgens die Augen aufschlägt, so spät wie jeden Morgen, nämlich sechs Uhr früh. Der Organismus ist ein erbarmungloser Wiedergänger. Himmelherrgott! Man macht die Augen wieder zu und döst mit Mühe bis acht. Wartet dann bis neun darauf, dass das Schädelweh nachlässt und macht sich dann auf die Suche nach Kaffee. Und trifft sich hernach mit der Frau Kunst, die aus Venedig direkt in die Fischstube gerast war und jetzt auch Schädelweh hat, in der Badi Utoquai, um Allfälliges zu besprechen und sich - wozu hat man Freunde - gegenseitig beim Erinnern an den Vorabend zu unterstützen, bevor man, weil Katzen ja wasserscheu sind, in den See köpfelt. Uahhh! Kalt. Wenn man mir in Wien einen See baggern würde, ich taterte viel frischer aussehen. Ich hätte auch bessere Laune. Und wäre fitter. Apropos: Was wurde eigentlich aus dem Stadthallenbad? Sollte das nicht längst wieder geöffnet sein? Egal, einen See wie den in Zürich kann es doch nicht ersetzen.
27.05.11

"So sicher, süffig und sinnlich wurde man selten durch eine Geschichte gesteuert."

| 05/11

schreibt Simone Meier im Tagesanzeiger über "Gruber geht". Und: "Dieser Roman geht ans Herz, er ist so roh in seiner Lust (Sexszenen schreiben kann die Knecht!) und in seinem Schmerz, dass es für das Überspringen der gruberschen Gefühlslagen auf die Leser wahrscheinlich nur ein Wort gibt: authentisch."
27.05.11

Nett wars...

| 05/11

mit Grissemann, Stermann und Tim Melzer bei Willkommen Österreich. Hier zum Nach-Sehen.
24.05.11

Schreiben die manchmal verliebte SMSe?

| 05/11 Falter-Kolumne

Studiere gerade die Bilder vom letzten Rapid-Match. Die Vermummten auf dem Spielfeld. Interessant. Spooky. Diese Männer leben unter uns. Was machen die sonst so? Wo arbeiten die? Wie wohnen die? Wie und nach welchen Kriterien kaufen die ihre Möbel? Haben die Sex? Wie sind die im Bett? Was wählen die? Schauen die heimlich Arztserien? Weinen die, wenn sie allein sind? Was ist ihre Lieblingsspeise? (Na gut, ok, das ist leicht.) Haben die Kinder, und wenn ja: wie und was reden die mit denen? Diskutieren die mit ihrer Frau, in welche Schule die Tochter gehen wird? Haben die überhaupt eine Frau, eine Freundin? Und wenn ja: Was schenken die ihr zum Geburtstag? Können die kochen? Nach welchen Kritierien suchen sich die die Vorlagen für ihr Peckerl aus? Schreiben die manchmal verliebte SMSe? Schauen die heimlich Dancing Stars? Schauen die heimlich schwule Pornos? Wie melden sich die am Telefon? Sind unter den Vermummten auch Frauen? Warum nicht? Und wenn man ein Kind hat, das Fussball mag, wie erklärt man dem sowas?

Und noch eine Frage: Kann man diese Trotteln sozialisieren? Ok, auch hier bietet sich eine Antwort an: offenbar nicht. Das ist ja jetzt nicht zum ersten Mal passiert. Das gehört ja offenbar zur Rapid-Folklore, kann man nichts dagegen tun. Ist so etwas wie das letzte Leo, in dem man weitgehend unsanktioniert rassistisch und gewalttätig sein kann. Man werde, habe ich heute früh im Radio gehört, gegen jeden, den man auf den Fotos und Videobändern erkennen könne, entschieden vorgehen. Was offenbar heißt, dass die, nachdem sie sich ausgetobt haben, einfach vermummt aus dem Stadion hinaus und heimgehen, ohne dass sie jemand aufhält oder verfolgt. Ist das so? Interessant. Auch interessant, dass es in den Wiener Stadien offenbar Räume gibt, in denen die Hools ihre Wurfgegenstände und Feuerwerkskörper zwischenlagern können, damit sie dann während des Matches gut Zugriff darauf haben. Wer ist für derlei verantwortlich? Und wäre sowas in, sagen wir mal, deutschen Stadien auch möglich?

Das Kind geht jetzt nicht mehr Fußball, eh schon länger, und wenn man das sieht, ist es einem total recht. Es will jetzt Karate lernen, und mit diesen Kerlen vor Augen hat findet man das als Mutter tendenziell eine Spitzenidee und unterstützt das sehr gerne.

Während die Mutter (Achtung, jetzt wird es erst richtig brutal) nun wahrscheinlich allmählich bereit wäre für Yoga. Innen in Ruhe, außen in Form, so in der Art. Die Frau mit den healing Hands, die einem den Lumbago wieder weggezaubert hat (sie selber nennt es Ostheopatie) findet das auch eine gute Idee. Andererseits: Was ist, wenn ich wirklich meine innere Ruhe finde? Wenn mich nichts mehr aufregt und ich mich nicht mehr aufpudeln will? Schon gar nicht öffentlich? Wenn ich plötzlich normal werde? Wovon lebe ich dann? Vielleicht doch noch mal darüber nachdenken, hm.
18.05.11

Dann kommt man in die Stadt zurück

| 05/11 Falter-Kolumne

Vielleicht sollte man mit der Selbstzerfleischung dann auch wieder einmal aufhören. Dann. Im Moment scheint es unmöglich: der Mond, der Saturn in Opposition mit Mars, ich weiß auch nicht. Ich stehe hinter einem Mikrophon im phil und lese meinen Text aus  "Brennstoff"* vor, die Geschichte, wie ich einmal Joachim Lottmann nicht kennenlernen wollte, und das ist nicht leicht, denn Lottmann sitzt einen Meter entfernt und lauscht, womit beim Verfassen des Textes irgendwie nicht zu rechnen war und was meinen Vortrag nicht begünstigt. Zudem bin ich, vor Rubey, Lottmann und Schalko, die erste, die liest, und während ein Teil des Publikums horcht, plauscht der andere munter vor sich hin, und dann passiert es, dann passiert es mir, ich brülle ins Mikrophon, GUSCH! brülle ich, und es ist so peinlich, als wäre mir coram Publico ein knatternder Wind entfahren. Es ist exzessiv überzogen, und ich weiß es sofort, und es ist unwiderruflich, und ich lese den Rest meines Textes unter permanter Transpiration und mit rotem Schädel. Das hat man wieder einmal gut hingekriegt. Man könnte sich.

Möglicherweise hängt der Ausbruch auch mit der Schufterei am Land zusammen. Man hackelt das ganze Wochenende, reißt Bäume aus, gräbt Löcher in die Erde, schleppt Klumpert herum, schlägt Pfosten ein, und dann kommt man in die Stadt zurück und wendet an Stellen, an denen das überhaupt nicht nötig wäre, zuviel Kraft an. Viel zu viel Kraft. Alle schauen: huidiwui, waswarndasjetz. Man fühlt sich, das ist jetzt auch überzogen, ein bisschen wie Musils Moosbrugger: Alles, was man jetzt angreift, wird kaputt. Man fühlt sich monströs in der Welt. Ungehörig. Man sollte vielleicht nicht mehr ausgehen, man sollte die Menschen meiden, man sollte sich irgendwo verkriechen, zum eigenen Schutz und zum Schutz aller anderen: zumindest an solchen Tagen. Man sollte einen solche-Tage-Melder eingebaut haben, der einen alarmiert und dann vor den "Tatort" setzt, anstatt unter oder vor Menschen. Oder hinter einen Computer, wo man wohl hingehört, wo man die Wörter und die Lautstärke und die Temperaturen viel leichter regeln kann, und korrigieren. Zu laut, zu wild, viel zu aggressiv, lösch es weg, schreib es leiser, zarter, zärtlicher. Vielleicht sollte man das Sprechen überhaupt weitgehend einstellen, nur noch schreiben. Das habe ich auch dem Steuerberater gesagt: Nicht komm am Sonntag Nachmittag in den Garten, wo ich eben glücklich irgendetwas aus der Erde reiße und sag mir, dass ich 6000 Euro ans Finanzamt überweisen muss, und zwar morgen. Schreib es mir wochentags in ein Mail, dann kann ich meinen Wutausbruch ganz allein performen, und niemand kommt zu Schaden und ich müsste mich jetzt nicht zerknirscht bei dir entschuldigen. Ich würde nämlich auch das gern löschen, danke.

*Moderne Nerven: Brennstoff. Hg. von Ela Angerer. Mit Texten von Peter Hein, Christian Schachinger, Manfred Peckl, u.a. (Czernin Verlag)
10.05.11

Man sollte es dann halt auch nicht tun.

| 05/11 Falter-Kolumne

Wenn man starke Schmerzmittel mit Alkohol kombiniert, hört man endlich die Anleihen, die The National bei den Rollings Stones machen. Da! Eindeutig! Es geht mir gerade wie Zuckerman in der Anatomiestunde, minus die geilen Weiber. Man soll nicht zwei volle Gießkannen herumschleppen, wenn man eh schon Rücken-Probleme hat. Wobei, das Schleppen war gar nicht das Problem, aber absetzen hätte man sie nicht sollen. Schmerz durchschnitt das Rückgrat und warf einen ins Gras. Dort lag man am Rücken wie ein großer blaugrüner Käfer aus einer LSD-Halluzination, bis einen der Lange entdeckte, der es etwas exaltiert fand, wegen ein paar erfrorener Zuccinisetzlinge gleich in den Rasen zu schluchzen. Bringstumir bitte zwei Seractil und ein Glas Wasser, danke.
Aber jetzt, jetzt könnte es schlimmer sein. Ich könnte, so wie letztes Mal, die Sache nicht ernst genommen haben, so dass dann der Notarzt mit der großen Valiumspritze kommen musste. Stattdessen liege ich nur reglos am Rücken und dämmere im Schatten eines Birnbaums der Nacht entgegen. Der Lange ist ausnahmsweise ein braver Sklave und gibt nichts auf die Gerüchte, das man Schmerzmittel und Spritzwein nicht mixen soll. Was es sehr erleichtert, eben erst kürzlich postulierte Absichten mit Halleluja wieder in den Wind zu schießen.
Die Sache mit den Mimis nämlich: Nicht nur Leserinnen beklagen, dass sie hier nicht mehr vorkommen, auch die Mimis selbst. Sind wir nicht mehr interessant genug?? Doch, aber. Aber  auch die Kolumnistin findet es zusehends schwierig, eine moderne Doku-Kolumne ohne ihre persönliche Reality zu scripten, äh schreiben.

Denn es gibt mannigfaltige akute Alltagsprobleme zu besprechen: Ab wann braucht ein Kind ein Handy? Was ist das, eine Wertkarte, und wie funktioniert es? Muss man Kinder zwingen, im Haushalt mitzuhelfen, wenn diese Zwingerei eine Million Mal nervenaufreibender ist, als es selbst zu tun? Wie reagiert man, wenn ein anderes Kind (unüberraschenderweise ein männliches) einem der Mimis in abschreckender Absicht die Genitalien zeigt? Die nette Lehrerin sah sich jedenfalls zu einem besorgten Mail veranlasst. Das Kind hatte allerdings bereits von der Sache erzählt, als ihm das Frl. Friseuse gerade das von der Mutter auf seinem Haupt verursachte Desaster (Man muss nicht alles können!)  in einen (Man sollte es dann halt auch nicht tun.) Haarschnitt zurückverzauberte, und hatte untraumatisiert gewirkt. Was die Mutter veranlasste, die Sache ihrerseits nicht zu dramatisieren - auslachen!, ignorieren! -, möglicherweise beeinflusst von ihrem eigenen sozialen Umfeld, das die Präsentation von Genitalien auch zur Unzeit an dafür nicht vorgesehenem Ort durchaus toleriert, wenn es die Situation erfordert. Oder die Kunst. Oder... Da, kein Zweifel: die Stones! Das Riff eben! Hören Sie das nicht?


15.04.11

Mutter abgeschoben, Kind da

| 04/11 Kurier-Kolumne

Es geschah ohne Ankündigung und ohne Information des Anwalts: Mittwoch früh erschienen sieben Polizisten, um die alleinerziehende Frau T. und ihre Kinder nach Armenien abzuschieben: Der 13- und der 14-jährige Sohn waren in der Salzburger Unterkunft anwesend, in der die Familie seit 2006 lebt. Der älteste Bub, 17, hatte, da er nichts von der bevorstehenden Abschiebung wusste, bei Freunden übernachtet und war nicht da. 
Die Mutter versuchte den Beamten klar zu machen, dass sie ihr Kind nicht einfach zurücklassen könne, was die  Beamten nicht beeindruckte: Zammpacken, wir fahren. Sie wurden nach Wien   ins Familienanhaltezentrum Simmering gebracht, von wo sie Donnerstag Nacht nach Yerewan abgeschoben wurden. Ohne den 17-jährigen, der erst von der Abschiebung seiner Familie erfuhr, als diese schon unterwegs war.  Es ist momentan unklar, wo er sich jetzt aufhält. 
Die Familie war gut integriert, die Kinder besuchten Hauptschule und Polytechnikum. Der 13-jährige Afo konnte noch mit einer Betreuerin telefonieren: Er bat sie, seine Lehrerin anzurufen und ihr zu sagen, dass er nicht mehr kommen kann und sich leider nicht verabschieden konnte. 
Um mit den Worten der Band Die Sterne zu sprechen: Was hat uns bloß so ruiniert? Was hat uns in Unmenschen verwandelt, die so mit anderen Menschen  umgehen? Denen die Ängste von Müttern und Kindern völlig egal sind, die einfach minderjährige Kinder von ihre Müttern trennen und  ihrem Schicksal überlassen?
Familienfreundliche Politik, Menschenrechte, Kinderrechtskonvention: Nur für echte Österreicher.  Asylwerber sind in diesem Land Menschen zweiter Klasse, wir beweisen es jeden Tag. 

13.04.11

Wir lernen heute: Flexitarismus

| 04/11

Am Montag wurde hier gefragt: Wollen wir wissen, was wir essen? Und es kamen dazu viele qualifizierte Antworen von der Leserschaft. Z.B.von Karin B., 18, die auf einem Bauernhof lebt. 
Sie hat in einer Silvesternacht beschlossen, ein Jahr lang kein Fleisch zu essen und fand es anfangs durchaus schwierigt: vor allem am Tisch mit ihrer hemmungslos fleischverzehrenden Familie. Doch nach zwei oder drei Monaten habe bei ihr ein Denkprozess eingesetzt. Sie begann  sich dem Thema zu beschäftigen, las Jonathan Safran Foers „Tiere essen" und wusste auf einmal: „Ich werde nie wieder Fleisch essen können - und es macht mir nichts aus." 
Sie lebe jetzt ohne schlechtes Gewissen und könne den Kühen und den Hendln auf ihrem Hof „wieder in die Augen blicken". Sie finde es nun „paradox, dass ein Huhn sterben und leiden muss, nur damit ich dann fünf Minuten darauf herumkauen kann. Sie würden ja auch nicht Ihren Hund oder Ihre Katze essen, oder?" Sie wolle, schreibt Karin B., niemanden bekehren, aber eins finde sie: Jeder Erwachsene müsse sich mit dem Thema Tiere essen auseinandersetzen.
Dass sie mit dieser Forderung nicht allein ist, zeigt ein neuer Ausdruck. Neue  Denkweisen und neue Lebensstile verlangen ja nach neuen Begriffen, und so lernen wir heute den Ausdruck Flexitarier.  Es erinnert nicht zufällig an Vegetarier und bezeichnet laut Wikipedia einen Menschen, der weitgehend, aber nicht strikt fleischlos lebt: In einer Zeit, in der das Töten und Essen von Tieren und ihre  meist grausame industrielle Massenhaltung immer öfter als moralisch fragwürdig debattiert wird, ist der Flexitarismus ein starker Trend. Richtung bewusste Ernährung: Auch wir hier debattieren weiter.

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